Systemische Nachhaltigkeit – Diversität, Widerstandsfähigkeit und Effizienz

Vor längerer Zeit bereits bin ich auf ein einfaches und – vermutlich deswegen – überzeugendes Konzept von Nachhaltigkeit gestossen.

Das Konzept ist in der folgenden Grafik dargestellt. Auf der y-Achse ist die Nachhaltigkeit aufgetragen. Auf der x-Achse nimmt von links nach rechts die „Diversität und Vernetztheit“ zu. Hier ist die Diversität innerhalb des betrachteten Systems gemeint. Also zum Beispiel die Anzahl Arten in einem Ökosystem. Die Vernetztheit steht in diesem Fall für die Anzahl (Fress-) Beziehungen zwischen den Arten.
Die Widerstandsfähigkeit eines Systems, auch Resilienz genannt, verhält sich direkt proportional zu dessen Diversität. Je mehr Arten in einem Ökosystem vorkommen, desto weniger wichtig ist eine einzelne Art für das Gesamtsystem. Andere Arten können die gleichen Funktionen übernehmen und machen so das System widerstandsfähiger.

Grafik des Konzepts systemischer Nachhaltigkeit

Systemische Nachhaltigkeit: Diversität, Widerstandsfähigkeit und Effizienz (nach Lietaer et al)

Die Effizienz eines Systems verhält sich umgekehrt proportional zur Diversität. Also je diverser, desto weniger effizient ist ein System. Dies liegt daran, dass mit zunehmender Diversität die „Reibungsverluste“ steigen. Auf den ersten Blick ist dies nicht ganz einfach verständlich, aber das weiter unten folgende Beispiel zeigt, was damit gemeint ist.

Ein hoch effizientes System ist verletzlich, weil die Diversität zu gering ist. Fällt ein Element aus, ist das gesamte System gefährdet, weil dessen Funktion nicht genügend von anderen Elementen übernommen werden kann. Andererseits sind in einem sehr diversen System die Reibungsverluste derart hoch, dass das Gesamtsystem stagniert, resp. als solches gar nicht existieren kann. Die richtige Balance von Effizienz und Widerstandsfähigkeit, resp. Diversität entscheidet also darüber, ob ein System nachhaltig funktioniert und damit langfristig überlebensfähig ist.

Nehmen wir ein hypothetisches Ökosystems mit maximaler Diversität, um das Konzept zu illustrieren. In diesem System gibt es gibt eine unendlich grosse Anzahl Arten und von jeder Art gibt es nur ein Männchen und ein Weibchen. Maximale Diversität also, weil es von keiner Art mehr als zwei Exemplare gibt. Wenn jetzt die meisten Arten Allesfresser sind, ist auch die Vernetztheit gross, weil alle alle fressen können. Keine Art ist von einer anderen abhängig und damit ist das Ökosystem als Ganzes sehr widerstandsfähig. Nun müssen sich aber alle Arten fortpflanzen, damit dieses hypothetische Ökosystem überlebt, sprich nachhaltig ist. Wegen der extrem hohen Diversität ergeben sich daraus zwei Probleme: Das Männchen der Art XYZ muss das einzige Weibchen seiner Art in der Masse der anderen Arten finden, damit sie sich fortpflanzen können. Hinzu kommt, dass unweigerlich einige Exemplare als Futter für eine andere Art enden werden. So wird das Weibchen XYZ möglicherweise zum Mittagessen der Art ABC bevor es zur Fortpflanzung kommt. Der enorm grosse Aufwand für Fortpflanzung, resp. Partnersuche macht somit das System hochgradig ineffizient.
Ein System mit maximaler Diversität kann nicht langfristig existieren und ist damit nicht nachhaltig. In der Natur würde sich die Diversität eines solchen Systems drastisch reduzieren, bis zu dem Punkt, wo die Effizienz in der Partnersuche so gross wird, dass es auch tatsächlich zur Fortpflanzung kommt und einzelne Arten eine überlebensfähige Populationsgrösse aufbauen können.

Drehen wir den Spiess um und schauen am Beispiel einer landwirtschaftlichen Weizen-Monokultur ein System mit maximaler Effizienz an. Ein ganzes Feld bestehend nur aus einer einzigen Art (oder sogar nur aus einer einzigen Genvariation). Ein solches System ist extrem effizient, weil es nur homogen wachsenden Weizen produziert. Es kann mechanisiert bearbeitet werden und die Düngerzufuhr kann auf eine einzige Sorte ausgerichtet werden. Tritt nun aber ein Schädling auf, findet dieser ein Schlaraffenland vor. Im Weizenfeld steht Ähre an Ähre und es gibt keine Barriere, die den Schädling zurückhalten oder bremsen würde. Innert kürzester Zeit ist ein solches Feld befallen. Wäre da nicht der Mensch, der mit chemischen Mitteln (Pestiziden und Insektiziden) korrigierend eingreifen würde. Eine Monokultur ist also sehr effizient, aber auch extrem verletzlich, weil sie nur schlecht oder gar nicht auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren kann.

Das hier vorgestellte Konzept von systemischer Nachhaltigkeit gilt nicht nur für natürliche Ökosysteme, sondern lässt sich ohne weiteres auch auf technische, soziale und gemischte Systeme übertragen. Weitere Beispiele folgen.

Als Grundlage für diesen Beitrag und die Grafik diente mir der Artikel „Is Our Monetary Structure a Systemic Cause for Financial Instability? Evidence and Remedies from Nature“ von Bernard Lietaer, Robert Ulanowicz, Sally Goerner & Nadia McLaren im „Journal of Futures Studies“. Dieser Artikel zeigt anhand vom hier vorgestellten Konzept eindrücklich auf, warum das heutige Finanzsystem nicht nachhaltig ist.
Sehr empfehlenswert ist auch der Vortrag „A Systemic Solution for the Economic Crisis“ von Bernard Lietaer am „Student Summit for Sustainability 2009“. Einfach meine langwierige Einführung überspringen …

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